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Achtertücksche Süstern

Komödie und Psycho-Thriller - Ein bissig-hitziger und hoch-komischer Kampf ums Erbe

Drei Schwestern wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten,  treffen sich nach dem plötzlichen Tod des Vaters. Doch nicht der gemeinsame Abschiedsschmerz lässt sie in dessen Haus zusammenkommen. Judith, die die hanebüchenen Projekte ihres Mannes nicht mehr finanzieren kann, und Eva, als Lebefrau mehrfach geschieden und Mutter von drei Kindern, sind in finanzieller Bedrängnis und erhoffen sich vom Nachlass Entlastung und auch Wiedergutmachung. War der Vater für sie zu Lebzeiten ein ignoranter Despot, soll nun wenigstens sein Tod gewinnbringend sein. Einzig Christin, das Nesthäkchen, war bis zum Schluss mit dem Vater in Kontakt und arbeitete gemeinsam mit ihm im Antiquitätengeschäft.
"Achtertücksche Süstern" ist ein psychologischer Thriller und eine so spannend wie sensibel erzählte Geschichte über drei Schwestern, die hin- und hergerissen sind zwischen existentiellen Nöten, dem wiederbelebten Groll der Kindheit, aber auch innig-verbündenden Erinnerungen.
Im Kampf um das Erbe liefern sich die drei -sehr zum Vergnügen des Publikums- mal bissig-sarkastische,  mal sentimental-hitzige, aber immer hoch-komische Wortgefechte.

Tragikomödie von Peter Buchholz 
Niederdeutsch von Kerstin Stölting

Besetzung

Inszenierung: Wolfgang Benninghoven

Mit
Kirsten Mehrgardt 
Anneli von Piotrowski
Silke Krellenberg

Bühnenbild: Moritz Schmidt, Theater Lübeck
Kostüme: Christa Walczyk, Theater Lübeck
Inspizienz: Alice Soetbeer/ Mirco Möller
Souffleuse: (Nelly) Magda Schulz

Pressestimmen

Drei Schwestern und ein Todesfall

Lübecker Nachrichten | Peter Intelmann

LÜBECK. Am Gelde hängt's, zum Gelde drängt's, und Judith ist ganz vorne mit dabei. Wo es etwas zu holen oder zu verteilen gibt, geht das in ihren Augen in erster Linie sie an. Aber ihre Schwestern Eva und Christin sind auch nicht ohne. Das bekommt man vorgeführt im Laufe von „Achtertücksche Süstern", dem neuen Stück der Niederdeutschen Bühne Lübeck. Am Dienstag hatte es in den Kammerspielen des Theaters Premiere.
Bei Anton Tschechows „Drei Schwestern“ wird man Zeuge, wie drei junge Frauen irgendwo in der russischen Provinz auf Abwechslung warten, auf etwas Spannung in ihrem gleichförmigen Alltag, auf ein besseres Leben. Man könnte es auch Glück nennen. Tschechows Stück ist gut 120 Jahre alt, aber bei Peter Buchholz hinterhältigen Schwestern (niederdeutsch bearbeitet von Kerstin Stölting) ist es im Grunde nicht anders. Auch hier suchen drei Frauen nach etwas, das ihrem Leben eine andere Richtung geben könnte. Wie es aussieht, ist das nicht bei allen dasselbe. Oder doch? Man wird jedenfalls im Laufe der Geschichte beobachten können, wie sich die Dinge verschieben, wobei die Konstellation auch eine Versuchsanordnung zu nennen wäre.
Da ist Judith (Kirsten Mehrgardt), Ärztin und ebenso verbiestert wie geradeheraus. Sie ist eine Klage, ein einziges Lamento und ihr Lebensgefühl eine nie enden wollende Benachteiligung. Außerdem ist sie ziemlich pleite. Ihr Mann hat in Rennpferde investiert, die mit Rennen nicht viel am Hut haben, und ihre Praxis steckt auch in den roten Zahlen. Ihre Schwester Eva (Anneli von Piotrowski) hat drei Kinder von drei Männern, und keiner zahlt. Den letzten hat sie gerade verabschiedet, aber ein neuer wartet schon. Selbst ihr Vater hat sie „Flittchen“ genannt. Eva ist ebenfalls nicht auf den Mund gefallen und hat einen Hang zum Rotwein, den sie im Laufe des Abends irgendwann aus der Flasche trinkt. Ihre Kanzlei ist auch keine Goldgrube, genau wie bei Judith.
Die jüngste Schwester ist Christin (Silke Krellenberg), die von den beiden anderen in konstanter Bosheit Flöckchen genannt wird. Flöckchen wie etwas sehr Zartes, Schwebendes, schön anzusehen, aber im Grunde nicht weiter ernst zu nehmen. Ein Leichtgewicht.
Das ist das Personal, mehr Leute sieht man nicht auf der Bühne. Aber zwischen ihnen entwickelt sich die Geschichte, und man bekommt eine Ahnung, warum man von Familienbande spricht.
Ihr Vater ist gestorben, jetzt sehen sie sich wieder. Da werden alte Rechnungen aufgemacht und alte Kâmpfe gekämpft. Da hat es Wunden gegeben, die nicht gut verheilt sind. Es geht ordentlich zur Sache, derbe auch mal. Und es schält sich heraus, dass sie ihren Vater eigentlich gar nicht gekannt haben. Bis auf Flöckchen, die in Kontakt mit ihm war und ihn Joe nennt, Joe, der sich einen Porsche gekauft hat, mit dem er allerdings vor zwei Tagen in den Tod gefahren ist.
Die Inszenierung von Wolfgang Benninghoven lässt den Figuren Raum für manchen Lacher, aber es ist kein Abend zum Schenkelklopfen. Dafür wird einem vorgeführt, wie ein Kampf ums Erbe aussehen kann, wenn es statt um Trauer ums Geld geht. Da treten drei Persönlichkeiten an, die alle ihre eigenen Pläne verfolgen. Und die sich immer wieder direkt ans Publikum wenden, was bei einem niederdeutschen Theaterstück ebenso überraschend ist wie der Umgang mit veralteten Geschlechterrollen.
Es ist eine Übung in Verschlagenheit, bei der nackte Gier ebenso im Zentrum steht wie angeknackste Charaktere und bei der die Schauspielerinnen immer mehr hineinfinden in ihr Spiel. Und bei der alles auf ein Bild zuläuft, das erst unscheinbar an der Wand hängt. Am Ende gab es großen Premierenapplaus.

 

„Achtertücksche Süstern“ oder „Die gefälschte Wahrheit“ bei der Niederdeutschen Bühne

Lübeckische Blätter 17/2023 |Jutta Kähler

Das Niederdeutsche entfaltet doch immer seinen ganz eigenen Reiz. Was sagt schon „fies“ oder „hinterhältig“ gegen „achtertückisch“ aus? Peter Buchholz nannte seine Komödie in der hochdeutschen Fassung „Gefälschte Wahrheit“. Der Titel der Niederdeutschen Übertragung (Kerstin Stölting) rückt die drei Protagonistinnen, die Ärztin Judith, ihre Schwestern Eva und Christin, die Jüngste, „Flöckchen“ genannt, in den Mittelpunkt.
Was die Drei zusammenführt, ist der überraschende Tod des Vaters, von Flöckchen „Joe“ genannt, beziehungsweise der sich zuspitzende Kampf ums Erbe. Zu holen gibt es etwas, das zeigt schon das Bühnenbild. Der Vater hat sich vom Schrotthändler zum Antiquitätenhändler hochgearbeitet, gönnt sich eine modern-minimalistisch eingerichtete Wohnung, Kunst an der Wand: „Die Metamorphose der Sonne“ von dem bei Versteigerungen hoch gehandelten Maler La Place, und einen Porsche, mit dem er sich zu Tode fährt. Eine junge Lebensgefährtin hat er sich auch zugelegt: Marie, die nicht auftaucht, aber doch eine wichtige Rolle spielt.
Wenn´s um Erben geht, brechen alte Konflikte auf, die bis in die Kindheit der Schwestern zurückreichen, der Ton, die Vorwürfe verschärfen sich. Da wird wenig schwesterlich ausgeteilt: „Du unverschämte Kröte.“ Kirsten Mehrgardt ist die in Geldnöten steckende Ärztin, deren neue Praxis viel Geld verschlungen hat und die sich am liebsten mit dem erhofften Erbe von ihrem Mann und dessen kostspieligem Hobby, einem erfolglosen Rennpferd, trennen möchte. Die äußere Eleganz verbirgt nur mühsam ihre innere Anspannung, schmallipig teilt sie aus, schnappt schnell verbal zu und greift immer wieder zu Herztropfen (oder ist in dem Fläschchen vielleicht doch etwas Hochprozentiges verborgen?), horcht sich auch schon mal theatralisch mit einem Stethoskop selbst ab.
Anneli von Pietrowski als Anwältin Eva ist immer noch flippig, greift beherzt zur Rotweinflasche, vielleicht kein Wunder nach missglückten Beziehungen und drei Kindern, für die die verschiedenen Väter nicht zahlen, ein „Flittchen“ schon zu Jugendzeiten in den Augen des Vaters. Berufliche Beziehungen möchte man zu den beiden Schwestern nicht knüpfen, dennoch entwickelt man Sympathie für sie beim Zuschauen. Das liegt auch an den Momenten der Zuwendung, in denen die Schwestern sich manchmal wieder annähern, und an den Monologen, in denen sich die Drei aus dem Handlungsverlauf lösen, an die Rampe treten und sich mit Erinnerungen und Reflexionen direkt ans Publikum wenden. Die kleinen musikalischen Ankündigungen dieser Passagen sind da eher überflüssig.
Am unscheinbarsten erscheint zunächst Silke Krellenberg als Christin, das „Flöckchen“. Sie stand dem Vater am nächsten und, wie sich herausstellt, ebenso Vaters Altersliebe Marie. Die Offenbarung dieser lesbischen Beziehung entlockt dem Publikum hier und da ein deutlich vernehmbares „Oh“. Von Krimispannung zu sprechen, ist wohl verfehlt, aber Flöckchen tritt, wenn es zum Schluss um das Erbe des Gemäldes von La Place geht, mit wahrlich achtertückischer Energie in den Vordergrund und es gibt eine doppelte, hier nicht zu verratende Pointe um „Die gefälschte Wahrheit“.
Die Stückwahl überzeugt, stellt aber auch den Regisseur Wolfgang Benninghoven vor Schwierigkeiten, Bewegung in ein Spiel zu bringen, das überwiegend von Gesprächen, Auseinandersetzungen, Dialogen lebt. So liegt der Schwerpunkt dieses Abends zu Recht auf der Zeichnung von Charakteren mit all ihren Schwächen und dem Hang zum Achtertückischen und das fand beim Publikum, das bei der Premiere am 10. Oktober in den Kammerspielen noch vergeblich auf das Programmheft wartete, großen Anklang.

 

 

 

 

Loop doch nich jümmer weg

Ünner't Lüchtfüer   (ab 09.04.24)