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Kritik aus HL-Live 09. Mai 2019

Süßes bei den Niederdeutschen: Schokoherzen und Pralinen

Zu alten Handwerken gehören bestimmte Fähigkeiten. Ein Beispiel: Was wäre  ein Chefkoch ohne seine Geschmacksnerven? Wie sollte er feine Soßen  abschmecken? In der neuen Produktion der Niederdeutschen Bühne Lübeck geht  es zwar nicht um einen Küchenchef, aber um einen norddeutschen  Chocolatier, dem mit der Ehefrau der Geschmackssinn abhanden kam.

Heinrich  Söte ist in Nöten! Zu erleben in den Kammerspielen.    Bei einer Chocolaterie – oder schreibt man besser Schokolaaderie? – denkt  man natürlich sofort an Frankreich, nicht unbedingt an Norddeutschland.  Und auf eine Französin geht die Komödie zurück. Valerie Setaire, Jahrgang  1986, ist in Frankreich geboren, inzwischen nach Kanada ausgewandert.  „Coeur Chocolat“ hieß ihre Komödie, bevor sie ein deutsches, danach sogar  ein niederdeutsches Gewand bekam.

Ihr Titel nun: "Een Hart ut Schokolaad oder Heinrich sien 'sötes Leven'". Eine Boulevard-Komödie. Sie wurde von Angela Burmeister ins Deutsche übertragen, bekam von Ulrike Stern und Rolf Petersen die niederdeutsche Fassung. Das "süße Leben" aus dem Titel bezieht sich auf den Schokoladenmeister Heinrich Söte. Seit Jahrzehnten herrscht er in seinem norddeutschen Süßigkeitenparadies. Aber seit jeder Supermarkt feinste Schokoladen, Pralinen, Trüffel anbietet, ist der alte, leicht angestaubte Laden nicht mehr konkurrenzfähig.

Und dann die Katastrophe mit den verlorenen Geschmacksknospen – der süße Heinrich kapituliert. Tradition ist offenbar nicht mehr gefragt. So malt er in Gedanken und dann mit Kreide auf eine Tafel "Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe". Aber muss es so weit kommen? Da gibt es zum Glück die talentierte Praktikantin Patrica, die den Markt und die Moderichtung kennt. Gegen den Sturkopf von Chef anzurennen, ist allerdings keine Kleinigkeit.

Dann ist da noch der Freund des Hauses, Dorfdoktor Ludwig. Seine Diagnose: Eine neue Frau muss her. So wird aus der Anzeige, in der eine Ladenhilfe gesucht wird, eine Kontaktanzeige für die besseren Kreise im Internet, wovon der gute Heinrich natürlich nichts ahnt. Und nun dreht sich das Karussell der Irrungen und Wirrungen.

Regisseur Sascha Mink mutet den vier Darstellern einiges an Text zu. Französischer Boulevard besteht nunmal aus geschliffenen Dialogen und auf- und zuklappenden Türen. Vier Darstellernamen weist das Programm aus, aber zehn Rollen. Wie das sich auflöst, sollte man erlebt haben. Einen Riesenanteil am Erfolg hat Kirsten Mehrgardt, die von der Lebedame bis zum Vamp alles drauf hat! Hans-Hermann Müller ist als knorriger Besserwisser ebenfalls in seinem Element. Alice Soetbeer als Praktikantin muss allerhand einstecken, bis sie sich durchgesetzt hat, und der Dorfdoktor von Heino Hasloop entpuppt sich als Facharzt für Speisen und Getränke.

Moritz Schmidt und Eva Knüppel haben ein stimmiges Bühnenbild gebaut, eine  schmucke Verkaufsstube, die sich entstauben lässt. Ansonsten amüsierten  sich die Zuschauer am gestrigen Dienstag bestens, und wer wollte, konnte  in der Pause süße Köstlichkeiten probieren.


Premiere bei der Niederdeutschen Bühne: Plattdeutsches Pralinenvergnügen

Jutta Kähler

Im 100. Jahr ihres Bestehens serviert die Niederdeutsche Bühne Lübeck dem Publikum einen besonders appetitlichen Leckerbissen. Auf Umwegen vom Französischen (das Original stammt von Valerie Setaire) über das Hochdeutsche hatte am 16. 4. 2019 in den Kammerspielen die niederdeutsche Version  der  romantischen Boulevardkomödie unter dem Titel Een Hart ut Schokolaad oder Heinrich sien „sötes Leven“ Premiere.

Das söte Leven scheint für den Chocolatier Heinrich Söte vorbei zu sein: Mit seiner Frau hat ihn auch sein Geschmackssinn verlassen, die Pralinen schmecken dementsprechend.  Dass es nicht zur Geschäftsaufgabe  kommt, dafür sorgen sein Freund Dr. Mager und seine Praktikantin Patricia. Sie wollen dem Liebesleben und dem Geschäft wieder aufhelfen: Eine Anzeige bei einer Partnerbörse wird geschaltet. Die - und  damit die bewerbungswilligen Damen – überschneidet sich mit Sötes Suche nach einer neuen Verkäuferin: Anlass für turbulente Missverständnisse und für den Auftritt von sechs Bewerberinnen, alle gespielt von Kirsten Mehrgardt. Man begegnet ihr als „Elite“-Frau, als Charlotte im lila Kostüm („Ich kenne meinen Marktwert genau.“ – Nein, nicht, was Sie jetzt denken!), als high-verhuschte Jackelin im Regenbogenschlabberlook, durch den Raum schwebend,  ein Relikt der späten 60er Jahre, als energische Isabell im schwarzen Hosenanzug, als Domina mit Lackmantel und Peitsche (Christa Walczyk, Theater Lübeck, sorgt jeweils für das passende Outfit) und letztlich als anfangs traurig verlassene, in Schokolade Trost suchende, zunehmend patente, die Schokolaterie wieder auf Vordermann bringende Sophie. Kirsten Mehrgardt versprüht Spielfreude, überzeugt in vielseitiger Mimik, Gestik und Sprache wie in der Darstellung der verschiedenen Frauentypen. Dass diese klischeehaft gezeichnet sind, tut dem Vergnügen keinen Abbruch.

Hans-Hermann Müller („Ich kann die Schokoladenaura von Menschen sehen!“) tritt anfangs als eher ruppiger Polterer auf, ist Neuerungen in der Schololaterie abgeneigt und zeigt am Schluss, dass auch sein Herz wie Schokolade schmelzen kann. Alice Soetbeer als Praktikantin mit dem Drang nach neuen Pralinenkreationen (Grauburgundertrüffel!) wirkt im Spiel mitunter noch etwas angespannt, Heino Hasloop als Freund und Arzt probiert lieber den Rum als die Rumtrüffel und versucht als Rosenkavalier Sophie zu umgarnen.

Das Stück lebt von rasanten Kostümwechseln und den Missverständnissen, bei denen das Publikum mehr weiß als die handelnden Personen. Nach der Pause lässt dieser Schwung, zu dem Regisseur Sacha Mink  die Darsteller anregt, nach, es entstehen im „romantischen“ Teil der Komödie Längen. Halten wir jedoch fest: Die Schokolaterie läuft wieder, sogar die Landesregierung ordert Pralinen. Was will man mehr? Vielleicht ein Tütchen Pralinen in der Pause?

Im Bühnenbild (Moritz Schmidt, Eva Knüppel) stimmt einfach alles: von der alten Registrierkasse über den Bistrotisch bis zur Schaufensterdekoration. Und vergessen wir nicht: Die Inszenierung zeigt, dass französische Leichtigkeit und Spritzigkeit der Dialoge nicht verloren gehen müssen und dass auf grobe Effekte  bei der Inszenierung einer Komödie verzichtet werden kann. Dieses „süße Leben“ kann man goutieren


Lübecker Nachrichten 17.04.2019

Das Stück kann seine französischen Wurzeln nicht verleugnen: Es geht um Liebe und Schokolade, die Komödie hat das Oh, là, là eines schönen Frühlingstages: „Een Hart ut Schokolaad oder Heinrich sien ‚sötes Leven’“ feierte jetzt mit der Niederdeutschen Bühne Lübeck seine erfolgreiche Premiere in den Kammerspielen. „Coeur Chocolat“ ist das Erstlingswerk der 33-jährigen Frankokanadierin Valerie Setaire. Bei der niederdeutschen Fassung des Boulevardstücks „Herz aus Schokolade“ führte Sascha Mink Regie.

Die Komödie um den drohenden Niedergang einer der traditionsreichsten Schokoladerien Norddeutschlands könnte man auf Hochdeutsch kurz so beschreiben: textlastig, es wird viel getrunken, Komik durch klischeehafte Figuren, Entwicklung vorhersehbar. De Buddel geiht jümmers rüm.

Übertragen ins Plattdeutsche heißt das: Dor ward veel snackt up de Bühn, die Buddel geiht jümmers wedder rüm. UrigeTypen gift dat dor, kannst fix över smuustern, un ton’n Sluss siegt de Leev. Das Plattdeutsche klingt nicht nur viel sympathischer, sondern entspricht auch dem, was die Inszenierung von Sascha Mink erreicht: Unterhaltung mit Leichtigkeit und Esprit. Die Wohlfühl-Atmosphäre unterstreicht das zauberhafte Bühnenbild in Türkis von Moritz Schmidt und Eva Knüppel.

Das „Söte Leven“, so der Name von Unternehmen und Ladenlokal, ist auf dem absteigenden Ast. Denn Eigentümer Heinrich (Hans-Hermann Müller, ein Sturkopf mit „Schokoladenherz“) hat aus Kummer über den Tod seiner Ehefrau Moni seinen Geschmacksinn verloren. Sein Freund und Arzt Ludwig Mager will helfen. Heino Hasloop gibt diesen als eine trinkfreudige Seele von Mensch, der sich gern als „RTT“, als „Rum-Trüffel-Tester“, zur Verfügung stellt. Zusammen mit der Praktikantin Patricia (Alice Soetbeer, jung, plietsch, energisch und kreativ) gibt er eine verquere Kontaktanzeige auf, die für amüsante Verwirrungen sorgt.

Esoterikerin und Domina

Hier darf Kirsten Mehrgardt auftrumpfen und die Lacher ernten. Als Star des Stücks verkörpert sie virtuos gänzlich unterschiedliche Frauentypen: die Landpomeranze, die sich für die Stadt chic gemacht hat, die Esoterikerin, die im Walle-Walle-Gewand umherschwebt, die Coole, die „ihren Marktwert“ kennt, die Peitsche schwingende Domina und schließlich die Frau, die ihrem Verehrer zuliebe Job und Wohnung aufgegeben hat, und enttäuscht wurde.

Am Ende fügt sich alles aufs Schönste (Komödienhafte): Heinrich verliebt sich in die verlassene Sophie, sie sich in ihn, die Praktikantin darf ihre neuen Pralinenkreationen in der altehrwürdigen Schokoladerie präsentieren und Doktor Mager? Er freut sich – und mit ihm das Publikum – über das neue Glück. 

Dorothea Kurz-Kohnert



HL-lIVE

"Der Heiligenschein des seligen Jensen erhält Risse"

Die Niederdeutsche Bühne Lübeck feiert erfolgreiche Premiere mit  "De selige Jensen"

Ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum beging am Dienstag Karin Vogt bei der Niederdeutschen Bühne. Sie gestaltete die Hauptrolle im Stück "De selige Jensen" in den Kammerspielen. Natürlich gab es am Schluss einen besonderen Blumenstrauß von Bühnenleiterin Brigitte Koscielski und eine  Ehrung vom Niederdeutschen Bühnenbund.

"De selige Jensen" ist ein von Gerd Meier ins Niederdeutsche übertragenes Stück des engagierten, auch sozialkritischen Dänen Carl Erik Martin Soya (1896-1983). Er hat seine Zeitgenossen oft provoziert, gegen Klischees  angeschrieben. In diesem Fall durchlöchert er die Wohlanständigkeit von Kapitän Jensen, der nach der Methode eines alten Seemannsliedes lebte: "Was weißt denn du, mein Kind, wie treu Matrosen sind? Sie haben nur eine Braut – in jedem Hafen!"

Kapitän Jensen hatte offenbar neben seiner Ehefrau Emilie nicht nur Bräute in Übersee, sondern auch in der Heimat, während die Gattin unverbrüchlich an seine Treue glaubt. Nun ist Jensen tot. Seine Witwe lebt in Erinnerungen, ist davon überzeugt, dass sein Geist noch um sie herum ist. Sie unterhält sich mit ihm, nimmt in Kauf, dass die Umgebung sie für verrückt hält. Im Laufe des Stückes muss sie einsehen, dass der Heiligenschein, den sie ihrem Alfred angedichtet hat, Risse bekommt.

Die Jubilarin Karin Vogt spielt das großartig, trifft die unterschiedlichen Gefühlslagen genau, Ihre Schwester Annie (Anneli von Piotrowski) ist von ganz anderem Kaliber, vom Leben und seinen Enttäuschungen geprägt, realistisch, ohne bitter geworden zu sein. Hans-Hermann Müller spielt einen Zeitgenossen, der stets auf seinen Vorteil bedacht ist, selbst wenn er für angeblich gute Zwecke sammelt.

Christa Walczyk steht als Haushaltshilfe Walburga mit beiden Beinen im  Leben, nimmt Leben und Liebe eben wie sie kommen. Ein junges Paar  verkörpern Jenny Walczyk und Henrik von Piotrowski mit Schwung und Sympathie. Regie führte Karsten Bartels. Er sparte sich Steigerungen für den zweiten Teil auf, führte seine Mitstreiter sicher durch vier Akte. Das  Bühnenbild von Moritz Schmidt und Eva Knüppel zeigt eine gediegene Wohnstube mit Erinnerungen des seligen Kapitäns an den Wänden.



Lübecker Nachrichten


„Generation Hamburger“ unter Dampf

Die Niederdeutsche Bühne Lübeck feiert erfolgreiche Premiere mit „Hartlich willkamen“

„Wi sünd de Hamburger-Generation. De Jungs sünd de bövere Hälft un uns Öllern de ünnere. Un wi dortwünschen!“ So fühlen sich Elli und Georg Böckmann – wie in einem Burger eingeklemmt zwischen ihren Kindern, die endlich flügge geworden sind, und ihren Eltern, die sich ins Nest zu ihren Kindern flüchten.

„Hartlich willkamen“ heißt die Komödie, die Oberspielleiter Frank Gruppe vom Ohnsorg Theater Hamburg ins Niederdeutsche übertragen hat. Das Stück wirft mit Humor ein Licht auf die Gratwanderung der mittleren Generation zwischen Selbstverwirklichung und sozialer Verantwortung. Die Ängste der Alten vor Krankheit und Überforderung durch den technischen Fortschritt nimmt er ernst. Elli (mitfühlende und genervte Tochter – Brigitte Barmwater) und Georg (liebenswerter Drückeberger – Holmer Bastian) nehmen zähneknirschend Alfred, Ellis 80-jährigen Vater, auf (schrullig – Heino Hasloop in seiner Jubiläumstrolle).  Alfred begeistert sich für die Erforschung der „Kl“, der künstlichen Intelligenz. Georgs Mutter (verschroben – Margrit Hammar) nimmt bei ihren Kindern Zuflucht, weil sich in ihrem Haus „Kakalatschen“ breitgemacht haben. Sichtlich gestresst erträgt das Paar auch die ständigen Besuche und Anrufe von Ruth, die meint, ohne ihre „Fürsorge“ sei ihr Mann Alfred während ihrer Trennung „op Proov“ verloren (schnodderschnäuzig – Brigitte Koscielski).

Mit dem Bühnenbild ist Moritz Schmidt und Eva Knüppel ein großer Wurf gelungen. Weiße sich überlappende Wände von rechts und links verjüngen sich tunnelartig zum Bühnenhintergrund hin und rahmen eine mittige Tür ein. Durch deren Milchglasschreibe sieht der Zuschauer im Schattenriss, wie die Besucher nach und nach mit ihren Koffern anrücken, während Elli und Georg Pläne für ihr zukünftiges,  "freies“ Leben schmieden.

Die Lübecker Inszenierung von Wolfgang Benninghoven vom Theater Combinale zeigt: „Wir können auch anders.“ Plattdeutsches Volkstheater muss nicht zwangsläufig schenkelkopfenden Humor in heimeligen Ambiente bedeuten und kann trotzdem amüsieren und bestens unterhalten.

Besucherin Kathrin Weiher, Lübecker Kultursenatorin, kommentierte: „Mein Mann und ich sind absolut begeistert – die Regie und die Darsteller waren ausgesprochen gut!“ Die Niederdeutsche Bühne Lübeck halte die regionale Identität lebendig, lobt sie. Weiher: „Diese muss gepflegt werden!“


Lübecker Nachrichten

Neid, Eifersucht und Heuchelei

Premiere der Niederdeutschen Bühne Lübeck: „De letzte Willen“  

Die Beerdigung ist eben vorbei. Die Angehörigen legen eine Schweigeminute vor dem Bild der toten Tante Martha ein: „Achtunföftig, negenunföftig, fäddich!“ Und gleich geht der Streit ums Erbe los. Darin steckt viel komisches Potenzial: Neid, Gier, Eifersucht und Heuchelei. Am Dienstagabend führte die Niederdeutsche Bühne Lübeck „De letzte Willen“ von Fitzgerald Kusz in den Kammerspielen des Theaters Lübeck zum ersten Mal auf.

Es ist immer wieder bewundernswert, mit wie viel Engagement und Spielfreude die Niederdeutsche Bühne zu Werke geht. Allerdings hat diese Inszenierung Schwächen. Die Charaktere sind holzschnitthaft – was nicht schlecht sein muss. Vor allem Magda Schulz als so scharfzüngige wie egoistische Olga und Hans-Hermann Müller als polternder Raffzahn Heinz holten einiges an Komik aus dem Text, auch Brigitte Barmwater als völlig überdrehtes Luder Siggi. Die Regisseurin Regina Burau hat nicht erkennbar versucht, originell zu sein. Auch das muss nichts Schlechtes sein. Aber das Stück ist zu schwach, um es so schlicht auf die Bühne zu bringen. Der Handlung fehlen die Überraschungen. Die Intrige, die selbstverständlich dazugehört, ist ziemlich einfallslos, und die Wendung, nach der die gierigen Angehörigen am Ende doch leer ausgehen, ist es nicht minder.

Immerhin war es eine schöne Idee, Elisabeth Schütz, Veteranin des Ensembles, als Tante Martha aus dem Jenseits sprechen zu lassen. Der Applaus war freundlich, aber verhalten.

Lübecker Nachrichten

Von allen guten Geistern heimgesucht   … und auch das Premierenpublikum war begeistert:

Die Komödie „Gode Geister“ an der Niederdeutschen Bühne Lübeck.  

>Ein bisschen ist man sich in den Kammerspielen vorgekommen wie im Weihnachtsmärchen – zwei weißgewandete Geister, ein Engel, die Geburt des Kindes bei leise rieselndem Schnee und ein bekehrter Atheist, der betend auf die Knie fällt. Jedenfalls passt die Aufführung hervorragend in die Adventszeit, und bei den Premiere-Zuschauern kam die plattdeutsche Komödie „Gode Geister“ bestens an. Regisseur Uwe Wendtorff gelingt es, nachdenkliche sentimentale Momente und deftige Komik auszuloten und zu einem unterhaltsamen Stück zu verweben. Wendtorff feiert mit dieser Inszenierung sein 40-jähriges Bühnenjubiläum bei der Niederdeutschen Bühne.

Die Geschichte von „Gode Geister“: Das Ehepaar Kehlmann ist bei einem Urlaub am Gardasee ertrunken und spukt nun in seinem Landhaus in Schmilau bei Ratzeburg herum. Denn im Gegensatz zu seiner Ehefrau Susi (gefühlvoll: Antje Wendtorff) ist der Krimi-Bestsellerautor Jakob (lässig: Jens-Peter Kraushaar) nicht gläubig und wird von Petrus an der Himmelspforte abgewiesen. Aus Liebe verzichtet auch Susi auf ihren reservierten Platz.  

Der Prolog schafft Klarheit  

Damit der Zuschauer gleich im Bilde ist, hat sich Uwe Wendtorff einen Kunstgriff einfallen lassen und dem Original einen selbstverfassten Text vorweg gestellt. Dieser stellt klar, wer auf der Bühne herumgeistert und warum sie es tun. Der Prolog wird auf ganz bezaubernde Weise von der talentierten Mia Großmann vorgetragen. Die elfjährige Lübeckerin thailändischer Herkunft erntet für ihren schelmischen Auftritt in astreinem Plattdeutsch den ersten Szenenapplaus.
Die Kehlmanns können zwar als Untote nicht richtig leben, aber sterben können sie auch (noch) nicht. So vertreiben sie sich mit harmlosen Späßen die Zeit, hängen Bilder schief und lassen Schlüssel verschwinden. Dieser Spuk treibt den Makler Markus Weber allerdings schier in den Wahnsinn. Hans-Gerd Willemsen spielt den Menschen, der an seinem Verstand zweifelt, ebenso überzeugend wie den etwas verschrobenen Engel, der in altmodischer Fliegermontur auf den Plan tritt.

Der Himmelsbote erscheint, um die neuen Mietern der Kate auf Wunsch der Kehlmanns zu unterstützen: Simon Willis (leidenschaftlich: Roland Gabor) ist ein Autor mit Schreibblockade, und seine Frau Felicitas Willis (resolut: Anja Giebelstein) erwartet ein Baby, was die mütterlichen Gefühle von Susi weckt.
Da die Kehlmanns wegen ihres luftförmigen Zustands nicht unmittelbar mit den Willis kommunizieren können, stattet Schutzengel die guten Geister mit der Fähigkeit zur Gedankenübertragung aus. Diese vollzieht sich per Handauflegen – das für Lacher und Heiterkeit beim Publikum sorgt.

Spontanen heftigen Applaus löst die Szene aus, als Martha Brodersen, Mutter von Feli, für ihre Boshaftigkeit bestraft wird. Susi übernimmt telepathisch die Regie. Wie ferngesteuert entpuppt sich die in schwarz gekleidete trauernde Witwe (temperamentvoll: Gabriele Meier) als Sexmonster, die sich lüstern auf den verdatterten Makler stürzt und ihre Bluse aufreißt. Uwe Wendtorff setzt hier gezielt auf publikumswirksames Spektakel – als Gegenpol zu den dialogreichen Passagen, die zumindest in der ersten Hälfte des Stücks überwiegen und ein bisschen ermüdend wirken.
Zu den dramatischen Höhepunkten gehört die Geburt des Babys, das der Zuschauer durch die Schilderung von Jakob und Susi miterlebt. Da das Leben des neuen Erdenbürgers gefährdet scheint, fängt Jakob Kehlmann, Atheist aus Überzeugung, an zu beten. Das Kind wird gerettet. Jakob und Susi schreiten am Schluss Hand in Hand durch das hellerleuchtete Himmelstor. Man mag diese Wendung zu romantisch oder kitschig finden oder sich sagen: Ende gut, alles gut – und kann schwelgen: „So schön wie im Märchen, aber viel lustiger“

Lübecker Nachrichten
 

Die lustigen Mühen des Polizeialltags

„Minsch sien mutt de Minsch“: Premiere der Niederdeutschen Bühne Lübeck

In einer Zeit, in der es sogar in Polizeistationen noch ganz und gar gemütlich zuging, spielt die Komödie „Minsch sien mutt de Minsch“. Am Theater Lübeck feierte der Klassiker von Günther Siegmund eine vom Wind verwehte Premiere: Bei der Aufführung der Niederdeutschen Bühne Lübeck blieben einige Plätze leer. Während es draußen also stürmt und der Wind hörbar durch die Kammerspiele pfeift, ist es in Polizeimeister Wilkes Reich schön ruhig. Doch die Welt da draußen schickt Störenfrieden vorbei: Der Pastor sorgt sich um die Moral seiner Schäfchen. Ein Dieb klaut Witwe Wiggers zwei Hühner. Eine Nacktbaderin, der man das Kleid gestohlen hat, hockt verschämt hinter der Reviertür. All das hakt Wilke flott ab mit praktischem Täter-Opfer-Ausgleich, Schnellurteil – und viel Schnaps.

Als jedoch Gemeindediener Martin eine Leiche findet, schwant dem Polizeimeister Ungemach. Die Kripo soll doch anderswo Staub aufwirbeln, Martin die Leiche bitteschön der Polizei im Nachbarort vor die Türe „swuppdiwuppen“. Natürlich geht der Plan nicht auf. Zudem hat jemand Wilke wegen seiner entspannten Dienstauffassungen verpfiffen, ein „Undercover-Agent“ ermittelt schon. In dem Verwirrspiel tragen die Schauspieler dick auf: Torsten Bannow als hölzener Oberwachtmeister, der die Vorschriften liebt. Dieter Koglin pocht als „Paster“ auf Moral und Aufstand, aber seine roten Bäckchen leuchten doch dann besonders, wenn die Schnapsflasche kreist.

Und das tut sie so häufig, dass Polizeimeister Wilke (Wolfgang Max Reimer) ordentlich Schlagseite bekommt. Regisseur Karsten Bartels hat den detailverliebten Text mutig zusammengestrichen, aber die Komödie hat immer noch ihre zähen Momente. „`Nbüschn behäbig das Ganze“, hört man in der Pause – und freut sich über die Schlusspointe. Das Publikum verabschiedet das Ensemble nach diesem Lacher mit doppeltem Applaus, denn Dieter Koglin wird für sein 25-jähriges Bühnenjubiläum geehrt. 

Lübeckische Blätter

Back to the 50th mit der Niederdeutschen Bühne: „Minsch schien mutt de Minsch“

Das Bühnenbild, von Rainer Stute entworfen, versprüht den Charme der 50er Jahre: Dienststube des Polizeireviers, alles im dezenten Braun, Akten, Telefon mit Wählscheibe. Der Blick schweift durch das Fenster auf das Amtsgebäude auf der anderen Seite des Sees. Irritierend wirken nur die vielen ordentlich aufgereihten Schnapsgläser auf Polizeimeister Wilkes Schreibtisch – sie werden noch eine wichtige Rolle spielen. 

Günter Siegmunds Komödienklassiker „Minsch sein mutt de Minsch“ aus dem Jahre 1958 hat doch altersbedingt Staub angesetzt und Regisseur Karsten Bartels tut gut daran, in seiner Inszenierung auf Aktualisierungen zu verzichten. So darf Polizeimeister Wilke (Wolfgang Max Reimer, Vorstandsmitglied des Niederdeutschen Bühnenbundes) über die auf ihm lastende Verantwortung jammern, aber trotzdem seinen Fernschachspiel per Telefon mit dem Kollegen auf der anderen Seeseite frönen – dort geht es offenbar ähnlich zu.


Was plagen ihn auch für Sorgen: Emma Wiggers, resolut dargestellt von Christa Walczyk, sind zwei Hühner gestohlen worden. Dem schnell gefasten Hühnerdieb brummt der Polizeimeister mit bedenklicher Rechtsauffassung („Denk sozial! Klau die Hühner bei dem Reichen!“) und nach dem Motto „Hier bin ich der Richter“ 14 Tage Freiheitsentzug auf. Die wird er bei Frau Wiggers mit Holz hacken verbringen. Günter Kassow als Sebastian Knopp bekommt die von Wilke verordnete Resozialisierungsmaßnahme sichtlich gut. Pastor Petersen (Dieter Koglin, der im Anschluss an die Vorstellung anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums geehrt wurde) beklagt den Verfall von Sitte und Anstand, ist aber doch für die Reize junger Frauen anfällig. Gemeindediener Martin Stingel (Lutz Knörnschild) soll eine Leiche verschwinden lassen.

Hanne Kleinschmidt (Malin Dressel) geht als verdeckte Ermittlerin einer anonymen Anzeige nach und durchleuchtet Wilkes Amtsauffassung. Der verordnet ihr wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (Nacktbaden, horribile dictu) eine Woche Haft, sprich: Übernachtung mit Frühstück im Gästezimmer und bekommt zunehmend funkelnde Äuglein. Und getrunken wird tüchtig, die Anzahl der sauberen Gläser verringert sich proportional zu dem zunehmend schwankenden Gang des Polizeimeisters. Komödienbedingt steuert das Stück auf sein gutes Ende zu: Die Suspendierung des Polizeimeisters wird wieder aufgehoben. Dem überkorrekten, karrierebewussten Oberwachtmeister (Torsten Bannow) sei seine Intrige mit der anonymen Anzeige gegen seinen Chef verziehen, dann steht auch einer gemeinsamen Zukunft mit Friedel (Helen Maas) nichts mehr im Wege. Und die Leiche? Gab es überhaupt eine?

War es nur eine Schaufensterpuppe? Am Schluss sind sich alle einige: „Minsch sein mutt de Minsch“ – das ist wichtiger als Bürokratie und Pflichterfüllung. An den Sprachwitz Jürgen von Mangers alias Adolf Tegtmeier mit seinem berühmten „Mensch bleiben“ reicht das Stück dann doch nicht heran. Und von dem im Programm erwähnten Zeitbezug, auch im digitalen, virtuellen Zeitalter gebe es Karriere-, Gewinn- und Machtstreben, ist es weit entfernt. Theater als Feel-good-Theater darf auch einmal nett sein, und das war es dann beim Premierenabend. Dem Polizeimeister sei verraten, dass ich diesen Satz geklaut habe (Plagiat!). Er wird es verzeihen und darauf einen Schnaps mit mir trinken.