PRESSESTIMMEN
Lübecker Nachrichten
 
„Generation Hamburger“ unter Dampf
Die Niederdeutsche Bühne Lübeck feiert erfolgreiche Premiere mit „Hartlich willkamen“
 
„Wi sünd de Hamburger-Generation. De Jungs sünd de bövere Hälft un uns Öllern de ünnere. Un wi dortwünschen!“ So fühlen sich Elli und Georg Böckmann – wie in einem Burger eingeklemmt zwischen ihren Kindern, die endlich flügge geworden sind, und ihren Eltern, die sich ins Nest zu ihren Kindern
flüchten.
„Hartlich willkamen“ heißt die Komödie, die Oberspielleiter Frank Gruppe vom Ohnsorg Theater Hamburg ins Niederdeutsche übertragen hat. Das Stück wirft mit Humor ein Licht auf die Gratwanderung der mittleren Generation zwischen Selbstverwirklichung und sozialer Verantwortung. Die Ängste der Alten vor Krankheit und Überforderung durch den technischen Fortschritt nimmt er ernst. Elli (mitfühlende und genervte Tochter – Brigitte Barmwater) und Georg (liebenswerter Drückeberger – Holmer Bastian) nehmen zähneknirschend Alfred, Ellis 80-jährigen Vater, auf (schrullig – Heino Hasloop in seiner Jubiläumstrolle).  Alfred begeistert sich für die Erforschung der „Kl“, der künstlichen Intelligenz. Georgs Mutter (verschroben – Margrit Hammar) nimmt bei ihren Kindern Zuflucht, weil sich in ihrem Haus „Kakalatschen“ breitgemacht haben. Sichtlich gestresst erträgt das Paar auch die ständigen Besuche und Anrufe von Ruth, die meint, ohne ihre „Fürsorge“ sei ihr Mann Alfred während ihrer Trennung „op Proov“ verloren (schnodderschnäuzig – Brigitte Koscielski).
Mit dem Bühnenbild ist Moritz Schmidt und Eva Knüppel ein großer Wurf gelungen. Weiße sich überlappende Wände von rechts und links verjüngen sich tunnelartig zum Bühnenhintergrund hin und rahmen eine mittige Tür ein. Durch deren Milchglasschreibe sieht der Zuschauer im Schattenriss, wie die Besucher nach und nach mit ihren Koffern anrücken, während Elli und Georg Pläne für ihr zukünftiges,  "freies“ Leben schmieden.
Die Lübecker Inszenierung von Wolfgang Benninghoven vom Theater Combinale zeigt: „Wir können auch anders.“ Plattdeutsches Volkstheater muss nicht zwangsläufig schenkelkopfenden Humor in heimeligen Ambiente bedeuten und kann trotzdem amüsieren und bestens unterhalten.
Besucherin Kathrin Weiher, Lübecker Kultursenatorin, kommentierte: „Mein Mann und ich sind absolut begeistert – die Regie und die Darsteller waren ausgesprochen gut!“ Die Niederdeutsche Bühne Lübeck halte die regionale Identität lebendig, lobt sie. Weiher: „Diese muss gepflegt werden!“

 
 
Lübecker Nachrichten

Neid, Eifersucht und Heuchelei
 
Premiere der Niederdeutschen Bühne Lübeck: „De letzte Willen“  
 
Die Beerdigung ist eben vorbei. Die Angehörigen legen eine Schweigeminute vor dem Bild der toten Tante Martha ein: „Achtunföftig, negenunföftig, fäddich!“ Und gleich geht der Streit ums Erbe los. Darin steckt viel komisches Potenzial: Neid, Gier, Eifersucht und Heuchelei. Am Dienstagabend führte die Niederdeutsche Bühne Lübeck „De letzte Willen“ von Fitzgerald Kusz in den Kammerspielen des Theaters Lübeck zum ersten Mal auf.
 
Es ist immer wieder bewundernswert, mit wie viel Engagement und Spielfreude die Niederdeutsche Bühne zu Werke geht. Allerdings hat diese Inszenierung Schwächen. Die Charaktere sind holzschnitthaft – was nicht schlecht sein muss. Vor allem Magda Schulz als so scharfzüngige wie egoistische Olga und Hans-Hermann Müller als polternder Raffzahn Heinz holten einiges an Komik aus dem Text, auch Brigitte Barmwater als völlig überdrehtes Luder Siggi. Die Regisseurin Regina Burau hat nicht erkennbar versucht, originell zu sein. Auch das muss nichts Schlechtes sein. Aber das Stück ist zu schwach, um es so schlicht auf die Bühne zu bringen. Der Handlung fehlen die Überraschungen. Die Intrige, die selbstverständlich dazugehört, ist ziemlich einfallslos, und die Wendung, nach der die gierigen Angehörigen am Ende doch leer ausgehen, ist es nicht minder.
 
Immerhin war es eine schöne Idee, Elisabeth Schütz, Veteranin des Ensembles, als Tante Martha aus dem Jenseits sprechen zu lassen.
Der Applaus war freundlich, aber verhalten.
 
Lübecker Nachrichten

Von allen guten Geistern heimgesucht   … und auch das Premierenpublikum war begeistert: Die Komödie „Gode Geister“ an der Niederdeutschen Bühne Lübeck.   
 
Ein bisschen ist man sich in den Kammerspielen vorgekommen wie im Weihnachtsmärchen – zwei weißgewandete Geister, ein Engel, die Geburt des Kindes bei leise rieselndem Schnee und ein bekehrter Atheist, der betend auf die Knie fällt. Jedenfalls passt die Aufführung hervorragend in die Adventszeit, und bei den Premiere-Zuschauern kam die plattdeutsche Komödie „Gode Geister“ bestens an. Regisseur Uwe Wendtorff gelingt es, nachdenkliche sentimentale Momente und deftige Komik auszuloten und zu einem unterhaltsamen Stück zu verweben. Wendtorff feiert mit dieser Inszenierung sein 40-jähriges Bühnenjubiläum bei der Niederdeutschen Bühne.
Die Geschichte von „Gode Geister“: Das Ehepaar Kehlmann ist bei einem Urlaub am Gardasee ertrunken und spukt nun in seinem Landhaus in Schmilau bei Ratzeburg herum. Denn im Gegensatz zu seiner Ehefrau Susi (gefühlvoll: Antje Wendtorff) ist der Krimi-Bestsellerautor Jakob (lässig: Jens-Peter Kraushaar) nicht gläubig und wird von Petrus an der Himmelspforte abgewiesen. Aus Liebe verzichtet auch Susi auf ihren reservierten Platz.  
 
Der Prolog schafft Klarheit  
 
Damit der Zuschauer gleich im Bilde ist, hat sich Uwe Wendtorff einen Kunstgriff einfallen lassen und dem Original einen selbstverfassten Text vorweg gestellt. Dieser stellt klar, wer auf der Bühne herumgeistert und warum sie es tun. Der Prolog wird auf ganz bezaubernde Weise von der talentierten Mia Großmann vorgetragen. Die elfjährige Lübeckerin thailändischer Herkunft erntet für ihren schelmischen Auftritt in astreinem Plattdeutsch den ersten Szenenapplaus.
Die Kehlmanns können zwar als Untote nicht richtig leben, aber sterben können sie auch (noch) nicht. So vertreiben sie sich mit harmlosen Späßen die Zeit, hängen Bilder schief und lassen Schlüssel verschwinden. Dieser Spuk treibt den Makler Markus Weber allerdings schier in den Wahnsinn. Hans-Gerd Willemsen spielt den Menschen, der an seinem Verstand zweifelt, ebenso überzeugend wie den etwas verschrobenen Engel, der in altmodischer Fliegermontur auf den Plan tritt.
Der Himmelsbote erscheint, um die neuen Mietern der Kate auf Wunsch der Kehlmanns zu unterstützen: Simon Willis (leidenschaftlich: Roland Gabor) ist ein Autor mit Schreibblockade, und seine Frau Felicitas Willis (resolut: Anja Giebelstein) erwartet ein Baby, was die mütterlichen Gefühle von Susi weckt.
Da die Kehlmanns wegen ihres luftförmigen Zustands nicht unmittelbar mit den Willis kommunizieren können, stattet Schutzengel die guten Geister mit der Fähigkeit zur Gedankenübertragung aus. Diese vollzieht sich per Handauflegen – das für Lacher und Heiterkeit beim Publikum sorgt.
Spontanen heftigen Applaus löst die Szene aus, als Martha Brodersen, Mutter von Feli, für ihre Boshaftigkeit bestraft wird. Susi übernimmt telepathisch die Regie. Wie ferngesteuert entpuppt sich die in schwarz gekleidete trauernde Witwe (temperamentvoll: Gabriele Meier) als Sexmonster, die sich lüstern auf den verdatterten Makler stürzt und ihre Bluse aufreißt. Uwe Wendtorff setzt hier gezielt auf publikumswirksames Spektakel – als Gegenpol zu den dialogreichen Passagen, die zumindest in der ersten Hälfte des Stücks überwiegen und ein bisschen ermüdend wirken.
Zu den dramatischen Höhepunkten gehört die Geburt des Babys, das der Zuschauer durch die Schilderung von Jakob und Susi miterlebt. Da das Leben des neuen Erdenbürgers gefährdet scheint, fängt Jakob Kehlmann, Atheist aus Überzeugung, an zu beten. Das Kind wird gerettet. Jakob und Susi schreiten am Schluss Hand in Hand durch das hellerleuchtete Himmelstor. Man mag diese Wendung zu romantisch oder kitschig finden oder sich sagen: Ende gut, alles gut – und kann schwelgen: „So schön wie im Märchen, aber viel lustiger“

Lübecker Nachrichten
 
Die lustigen Mühen des Polizeialltags
„Minsch sien mutt de Minsch“: Premiere der Niederdeutschen Bühne Lübeck

  In einer Zeit, in der es sogar in Polizeistationen noch ganz und gar gemütlich zuging, spielt die Komödie „Minsch sien mutt de Minsch“. Am Theater Lübeck feierte der Klassiker von Günther Siegmund eine vom Wind verwehte Premiere: Bei der Aufführung der Niederdeutschen Bühne Lübeck blieben einige Plätze leer. Während es draußen also stürmt und der Wind hörbar durch die Kammerspiele pfeift, ist es in Polizeimeister Wilkes Reich schön ruhig. Doch die Welt da draußen schickt Störenfrieden vorbei: Der Pastor sorgt sich um die Moral seiner Schäfchen. Ein Dieb klaut Witwe Wiggers zwei Hühner. Eine Nacktbaderin, der man das Kleid gestohlen hat, hockt verschämt hinter der Reviertür. All das hakt Wilke flott ab mit praktischem Täter-Opfer-Ausgleich, Schnellurteil – und viel Schnaps. Als jedoch Gemeindediener Martin eine Leiche findet, schwant dem Polizeimeister Ungemach. Die Kripo soll doch anderswo Staub aufwirbeln, Martin die Leiche bitteschön der Polizei im Nachbarort vor die Türe „swuppdiwuppen“. Natürlich geht der Plan nicht auf. Zudem hat jemand Wilke wegen seiner entspannten Dienstauffassungen verpfiffen, ein „Undercover-Agent“ ermittelt schon. In dem Verwirrspiel tragen die Schauspieler dick auf: Torsten Bannow als hölzener Oberwachtmeister, der die Vorschriften liebt. Dieter Koglin pocht als „Paster“ auf Moral und Aufstand, aber seine roten Bäckchen leuchten doch dann besonders, wenn die Schnapsflasche kreist. Und das tut sie so häufig, dass Polizeimeister Wilke (Wolfgang Max Reimer) ordentlich Schlagseite bekommt. Regisseur Karsten Bartels hat den detailverliebten Text mutig zusammengestrichen, aber die Komödie hat immer noch ihre zähen Momente. „`Nbüschn behäbig das Ganze“, hört man in der Pause – und freut sich über die Schlusspointe. Das Publikum verabschiedet das Ensemble nach diesem Lacher mit doppeltem Applaus, denn Dieter Koglin wird für sein 25-jähriges Bühnenjubiläum geehrt.   
 
Lübeckische Blätter
 
Back to the 50th mit der Niederdeutschen Bühne: „Minsch schien mutt de Minsch“
 
Das Bühnenbild, von Rainer Stute entworfen, versprüht den Charme der 50er Jahre: Dienststube des Polizeireviers, alles im dezenten Braun, Akten, Telefon mit Wählscheibe. Der Blick schweift durch das Fenster auf das Amtsgebäude auf der anderen Seite des Sees. Irritierend wirken nur die vielen ordentlich aufgereihten Schnapsgläser auf Polizeimeister Wilkes Schreibtisch – sie werden noch eine wichtige Rolle spielen. Günter Siegmunds Komödienklassiker „Minsch sein mutt de Minsch“ aus dem Jahre 1958 hat doch altersbedingt Staub angesetzt und Regisseur Karsten Bartels tut gut daran, in seiner Inszenierung auf Aktualisierungen zu verzichten. So darf Polizeimeister Wilke (Wolfgang Max Reimer, Vorstandsmitglied des Niederdeutschen Bühnenbundes) über die auf ihm lastende Verantwortung jammern, aber trotzdem seinen Fernschachspiel per Telefon mit dem Kollegen auf der anderen Seeseite frönen – dort geht es offenbar ähnlich zu. Was plagen ihn auch für Sorgen: Emma Wiggers, resolut dargestellt von Christa Walczyk, sind zwei Hühner gestohlen worden. Dem schnell gefasten Hühnerdieb brummt der Polizeimeister mit bedenklicher Rechtsauffassung („Denk sozial! Klau die Hühner bei dem Reichen!“) und nach dem Motto „Hier bin ich der Richter“ 14 Tage Freiheitsentzug auf. Die wird er bei Frau Wiggers mit Holz hacken verbringen. Günter Kassow als Sebastian Knopp bekommt die von Wilke verordnete Resozialisierungsmaßnahme sichtlich gut. Pastor Petersen (Dieter Koglin, der im Anschluss an die Vorstellung anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums geehrt wurde) beklagt den Verfall von Sitte und Anstand, ist aber doch für die Reize junger Frauen anfällig. Gemeindediener Martin Stingel (Lutz Knörnschild) soll eine Leiche verschwinden lassen. Hanne Kleinschmidt (Malin Dressel) geht als verdeckte Ermittlerin einer anonymen Anzeige nach und durchleuchtet Wilkes Amtsauffassung. Der verordnet ihr wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (Nacktbaden, horribile dictu) eine Woche Haft, sprich: Übernachtung mit Frühstück im Gästezimmer und bekommt zunehmend funkelnde Äuglein. Und getrunken wird tüchtig, die Anzahl der sauberen Gläser verringert sich proportional zu dem zunehmend schwankenden Gang des Polizeimeisters. Komödienbedingt steuert das Stück auf sein gutes Ende zu: Die Suspendierung des Polizeimeisters wird wieder aufgehoben. Dem überkorrekten, karrierebewussten Oberwachtmeister (Torsten Bannow) sei seine Intrige mit der anonymen Anzeige gegen seinen Chef verziehen, dann steht auch einer gemeinsamen Zukunft mit Friedel (Helen Maas) nichts mehr im Wege. Und die Leiche? Gab es überhaupt eine? War es nur eine Schaufensterpuppe? Am Schluss sind sich alle einige: „Minsch sein mutt de Minsch“ – das ist wichtiger als Bürokratie und Pflichterfüllung. An den Sprachwitz Jürgen von Mangers alias Adolf Tegtmeier mit seinem berühmten „Mensch bleiben“ reicht das Stück dann doch nicht heran. Und von dem im Programm erwähnten Zeitbezug, auch im digitalen, virtuellen Zeitalter gebe es Karriere-, Gewinn- und Machtstreben, ist es weit entfernt. Theater als Feel-good-Theater darf auch einmal nett sein, und das war es dann beim Premierenabend. Dem Polizeimeister sei verraten, dass ich diesen Satz geklaut habe (Plagiat!). Er wird es verzeihen und darauf einen Schnaps mit mir trinken.